Musical - Cocktail

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Avenue X

in der Wiener Kammeroper

Andrea Martin

Dass die Kammeroper ein Geheimtipp für nachdenklich stimmende, nicht alltägliche Musicalproduktionen („Die Cole Porter-Story“ oder „Company“) ist, ist bekannt. In diese Kategorien kann man auch die jüngste Produktion AVENUE X, bei der es sich gleichzeitig um die europäische Erstaufführung handelt, einreihen. Dennoch ist das Stück etwas besonderes. Es ist das erste „A cappella musical“, welches je produziert wurde. Acht hervorragende Darsteller stehen auf der Bühne und müssen allein mit ihrer Stimme und ohne musikalische Unterstützung das Publikum begeistern. Es war ein gewagtes Experiment, das schief gehen hätte können. Aber man kann es, ohne schlechtes Gewissen, als sehr geglückt bezeichnen.

 

Ramin Dustdar (Pasquale), Bruno Grassini (Chuck), Axel Olzinger (Ubazz), Murielle Stadelmann (Barbara), Gino Emnes (Milton), Joe Garcia (Roscoe), Stephen Shivers (Winston) und Carole Alston Bukowsky (Julia) hatten sich dieser Herausforderung gestellt.

 

Die Handlung spielt in New York, Brooklyn im Jahr 1963. Die sogenannte Avenue X trennt die „Italo-American“ von den „African-American“. Der Italiener Pasquale benötigt dringend Ersatz, da ihm am Vorabend der legendären Brooklyn Fox sein Leadsänger ausgefallen ist. Im Abwasserkanal, wo er gerne singen übt, trifft er auf den Afrikaner Milton und erkennt sofort sein Talent in bezug auf die Musik. Sie beginnen über die Musik zueinander zu finden und Pasquale glaubt in Milton einen geeigneten Ersatz für den Auftritt gefunden zu haben. Als beide Seiten von dem Vorhaben der beiden erfahren, versuchen sowohl Pasquales Schwester Barbara und seine Freunde Chuck und Ubazz, als auch Milton's Mutter Julia, sein Stiefvater Roscoe und sein Freund Winston beide davon abzubringen. Der Showdown in der U-Bahn-Station entscheidet schlußendlich über Leben und Tod. Die Italiener geraten mit Milton in Streit. Dieser fällt unglücklich auf die Gleise und wird von einem herannahenden Zug überrollt. Jede Hilfe kommt für ihn zu spät. Beim Verhör leugnen Pasquale und seine beiden Freunde die Geschehnisse. Leider konnte in diesem Stück die Musik nicht bei allen Charakteren völkerverbindend wirken und es wurde eindrucksvoll gezeigt, dass Musik nicht immer die einzige Sprache ist, die alle verstehen.

 

Die Darsteller schaffen es ohne Probleme (und nur unter Zuhilfenahme einer Mundharmonika zwecks Abstimmung des Tons) das Publikum mit ihren Stimmen in ihren Bann zu ziehen und ohne aufwändiges Bühnenbild ein beeindruckendes Stück mit einer Mixtur aus diversen Musikrichtungen wie Gospel, Blues, Jazz und afro-amerikanischen Rhythmen zu liefern. Jedem Künstler waren die Emotionen, die ihn mit seiner Rolle verband und die er mit den Songs ver-mitteln wollte, anzumerken. Nicht selten gelang es ihnen, dadurch Gänsehautfeeling zu verbreiten.

 

AVENUE X ist mit Sicherheit das Gegenteil von einem großen Musicalspektakel, verdient aber nichts desto trotz das Prädikat sehens- und hörenswert und wird hoffentlich in Zukunft wieder auf dem Spielplan der Kammeroper stehen.