Wiener Zeitung

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Kammeroper: A-cappella-Musical "Avenue X"

Gelungenes Musical-Juwel

Von Brigitte Suchan

Die Kammeroper bietet ihren Gästen als vorweihnachtliches Präsent nicht mehr und nicht weniger als eine europäische Erstaufführung eines amerikanischen Musicals. "Avenue X" ist allerdings kein herkömmliches Musical, es ist das erste A-cappella-Musical, das je produziert wurde.

 

Zehn Jahre hat es gedauert, bis "Avenue X" den Weg von Amerika nach Europa gefunden hat. In New York wurde das ungewöhnliche Musical bei seiner Uraufführung im Februar 1994 mit hymnischen Kritiken bedacht und heimste in der Folge gleich mehrere Preise ein. Der Komponist Ray Leslee und der Autor John Jiler verstanden ihr Werk als Kontrastprogramm zu den technisch aufwendigen Musical-Produktionen, die Ende der 1980er Jahre den Broadway dominierten.

"Avenue X" ist ein Kammer-Musical das mit sparsamen Mitteln und acht Sängern eine einfache Geschichte erzählt. Die Handlung spielt 1963 im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Die Avenue X teilt ein Viertel in zwei Welten: auf der einen Straßenseite wohnen italienische Einwanderer, auf der anderen leben Afroamerikaner. Pasquale ist der Leiter einer Vokalgruppe, mit der er an einem Wettbewerb teilnehmen möchte. In letzter Sekunde fällt sein Lead-Sänger aus. Ersatz findet er im begabten Milton, der auf der "schwarzen Seite" der Avenue X wohnt. Die beiden verstehen einander musikalisch bestens, über die kulturellen Schranken hinweg. Dass die so hoffnungsvoll beginnende Freundschaft dennoch tragisch endet, liegt am Unvermögen beider Seiten, dem Teufelskreis der Vorurteile zu entkommen.

Wer da in Ansätzen ein wenig "West Side Story" heraus liest, hat recht. Doch "Avenue X" ist sehr viel einfacher gestrickt, verlässt sich mehr auf die emotionale Kraft seiner Darsteller und überzeugt wahrscheinlich gerade dadurch. Für das Publikum ist "Avenue X eine erstaunliche Erfahrung. Ein Musical ohne Klangteppich aus dem Orchestergraben und ohne Ausstattungsfirlefanz - wie soll das gehen? Wie gut das funktioniert, davon kann man sich in der Kammeroper überzeugen. Acht hervorragende Darsteller und Sänger tragen ein ganzes Musical, eine einfache und praktikable Ausstattung (Cordelia Matthes) bietet einen adäquaten Spielraum in dem eine musikalisch perfekt einstudierte (Michael Schnack) Aufführung das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinreißt. Mit wie viel Stimmgewalt und Spielfreude die sechs Sänger (Gino Emnes, Joe Garcia, Stephen Shivers, Ramin Dustdar, Bruno Grassini, Axel Olzinger) und vor allem die beiden Sängerinnen (Carole Alston-Bukowsky und Murielle Stadelmann) ihre Rollen bewältigen, ist tatsächlich bejubelnswert. "Avenue X" ist ein Musical für Menschen, die Musical eigentlich nicht mögen. Unbedingt ansehen!

 

Erschienen am: 18.12.2004, Wiener Zeitung