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Kammeroper: ein geglücktes Musical abseits vom Konfektionskitsch

 

Bejubelte europäische Erstaufführung des A cappella-Musicals"Avenue X" in der Wiener Kammeroper (von Martin R.Niederauer/APA) Wien (APA)

Wien (APA) - Acht überaus motivierte Sänger und Sängerinnen begeisterten das
Publikum bei der europäischen Premiere von "Avenue X" gestern, Donnerstag,
in der Wiener Kammeroper: Ein Musical rein A cappella gesungen - authentisch
überzeugend und glücklicherweise weit entfernt vom theaterüblichen
Konfektionskitsch.

Eine mausgraue Bühne geteilt von einer mausgrauen Straße symbolisiert die
"Avenue X" im New Yorker Stadtteil Brooklyn der 60er Jahre. Auf der einen
Seite leben in sich geschlossen die Italo-Amerikaner, ihnen gegenüber im selbst
gewählten Getto die afroamerikanische Bevölkerung. Leonard Bernsteins
"Westside Story" lässt grüßen. Das Autorenteam John Jiler (Buch) und Ray Leslee
(Musik) covert die Story ungeniert und findet über die Musik einen neuen,
durchaus interessanten Zugang.

Statt von Maria und Tony handelt die Story von Milton und Pasquale und ihrem
gemeinsamen Traum von der Musik - deren Liebe zueinander inklusive. So
treffen Rock'n Roll auf Gospel, Liverpool-Sound auf Blues und Jazz. Aber
auch Rap und afroamerikanische Rhythmen sind zu hören. Die Geschichte zweier junger
Menschen, die gegen alle Überredungskunst ihres Umfeldes gemeinsam einen
Gesangswettbewerb gewinnen wollen und doch zum Scheitern verurteilt sind.
"Avenue X" hatte seine Premiere 1994 in New York City und wurde seitdem in mehr als
30 amerikanischen Städten aufgeführt.

Besonders zu erwähnen ist vor allem die musikalische Leistung der acht
Sänger: Ohne Dirigent und ohne Instrumente bewältigen sie die zum Teil sehr
anspruchsvollen musikalischen Arrangements auf höchsten Niveau. Gut auch,
dass auf eine elektronische Verstärkung der Sänger verzichtet wurde. Michael Schnack
als musikalischer Leiter hat hier bei der Einstudierung hervorragende Arbeit
geleistet. Alonso Barros' Inszenierung mit seinen Choreografien unterstützt
die Handlung mit gekonnter Routine. Die Ausstattung im Stil der Zeit von
Cordelia Matthes und ein ansprechendes Lichtdesign von Harry Michlits runden
diese Inszenierung perfekt ab.

Interessant bei dieser Aufführung ist auch das Zusammentreffen zweier
unterschiedlicher Gesangs- und Schauspielschulen. Die farbigen Rollen, fast
ausnahmslos mit Amerikanern besetzt, zeigen beim Singen, wie auch beim
Spielen, die für den europäischen Geschmack übertrieben wirkenden US-amerikanische
Theaterauffassung. Das fällt besonders bei den outrierten Gospel-Nummern
auf. Als Sänger erster Güte präsentieren sich Gino Emnes, Joe Garcia, Carole
Alston-Bukowsky und Stephen Shivers. Im Gegensatz dazu die auf Natürlichkeit
und Entwicklung bedachte europäische Schule der übrigen, europäisch besetzten
Protagonisten: Ramin Dustdar, Axel Olzinger und eine ausgezeichnete Murielle
Stadelmann. .... Kleinere Unachtsamkeiten durch Nervosität und
Lampenfieber lassen sich getrost vernachlässigen.

(S E R V I C E - "Avenue X" von John Jiler (Buch) und Ray Leslee (Musik).
Musikalische Leitung: Michael Schnack; Inszenierung und Choreografie: Alonso
Barros; Ausstattung: Cordelia Matthes; Lichtdesign: Harry Michlits; mit Gino
Emnes, Joe Carcia, Carole Alston-Bukowsky, Stephen Shivers, Ramin Dustdar,
Bruno Grassini, Axel Olzinger und Murielle Stadelmann; nächste Vorstellungen
am 18., 21., 28., 30., und 31. Dezember sowie im Jänner; Karten 01 / 512 01
00-77; http://www.kammeroper.at)